Caritas-Streetworker in Bremer Brennpunktvierteln

Parks, Hinterhöfe von Supermärkten und Hochhäusern – das sind die Arbeitsorte für die Streetworker des Caritas-Verbandes Bremen Nord. Seit fast zehn Jahren ist das Team Nord in sozialen Brennpunkten im Einsatz für Kinder und Jugendliche.

Es sind Orte, an denen manchmal schon der Straßenname darüber entscheidet, ob man einen Handy-Vertrag oder eine Lehrstelle bekommt. „Wer in der George-Albrecht-Straße in Blumenthal wohnt, hat schlechte Karten“, sagt Nadine Egge. Sie ist eine von drei hauptamtlichen Streetworkern des Caritasverbandes Bremen-Nord. 

Kümmern sich um junge Leute in Bremen-Nord: (von links) die Streetworker Pavel Fedorenko, Abdulkerim Sari und Nadine Egge

Ihr Revier umfasst mehrere Bremer Stadtteile mit großen sozialen Problemen: Vegesack, Burglesum und Blumenthal. Arbeits- und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben vieler Familien, vererben sich von Generation zu Generation. „Abhängen“ ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung unter den Heranwachsenden. Immer wieder werden die herumlungernden Cliquen zum Problem. Anwohner und Geschäftsleute beschweren sich, fühlen sich bedrängt. „Dann kommen wir ins Spiel“, sagt Nadine Egge.

Vertrauen ist die Währung auf der Straße

So wie bei einer Clique, die sich über Monate an einem Supermarkt traf, ständig in Konflikt mit den Supermarkt-Mitarbeitern und später auch der Polizei geriet. Zusammen mit einem Kollegen nahm Nadine Egge Kontakt zu den jungen Leuten auf – das Vorgehen ist immer ähnlich. „Wir sprechen sie an, reden ein bisschen, fragen, ob ihnen langweilig ist, tauschen Nummern aus.“ Man lernt sich kennen, verabredet sich, macht Ausflüge zusammen – der große weiße Bus vom Team Nord hat Platz für neun Personen. Vertrauen ist die Währung, die auf der Straße zählt. Mit dem Transit geht es mal nach Cuxhaven, mal zum Fußballplatz oder zu anderen Treffpunkten in der Nähe.

Mit einer ihrer Mädchen-Cliquen hat Nadine Egge vor einiger Zeit einfach ein Picknick an der Weser gemacht. Vorher wurde eingekauft, zusammen Brote geschmiert. „Davon schwärmen die Mädels heute noch – das kannten sie so gar nicht“, sagt die 27-Jährige. Seit zwei Jahren betreut das Team Nord die Clique vom Supermarkt – Konflikte gibt es heute keine mehr, auch wenn sie sich immer noch dort treffen. Eine kleine Erfolgsgeschichte, die harte und ausdauernde Arbeit erforderte.

Die meisten freuen sich, dass jemand da ist

Zielgruppe der Streetworker sind Jugendliche von 12 Jahren bis Mitte 20, die Mehrheit mit Migrationshintergrund. Gerade bei den Jüngeren ist oft Schulschwänzen ein wichtiges Thema. „Es gibt Milieus, da wird das von den Eltern nicht als wichtig erachtet“, sagt Egge. Darum suchen die Streetworker auch das Gespräch mit den Eltern.

Ein Ziel ihrer Arbeit ist es, die Jugendlichen an die Freizeitheime und Beratungsstellen heranzuführen, die es in den Stadtteilen gibt. „Wir sind Mittler zwischen den Jugendlichen und den vorhandenen Angeboten“, sagt Abdulkerim Sari. „Niemand muss unser Angebot annehmen, aber die meisten freuen sich, dass jemand da ist, der sich für sie interessiert“, sagt Sari. Der 43-Jährige ist schon von Anfang an beim Team Nord. „Es war damals ungewöhnlich, dass wir als katholischer Verband Streetwork machen wollten“, erinnert sich der Geschäftsführer des Caritasverbandes, Heinz Dargel. Mittlerweile ist die Caritas ein akzeptierter und geschätzter Akteur in der Bremer Jugendsozialarbeit. Bis zu sechs Honorarkräfte unterstützen die Arbeit der Hauptamtlichen. Hilfreich sei es dabei, verschiedene Nationalitäten im Team zu haben.

Der Job führt an die eigenen Grenzen

„Es erleichtert den Zugang zu den verschiedenen Cliquen“, sagt Abdulkerim Sari, der selbst türkische Wurzeln hat und Muslim ist. Mit vier Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, schloss die Schule ab, studierte Sozialpädagogik und begann schließlich als Honorarkraft bei der Caritas. „Es ist ein sehr erfüllender, aber auch anstrengender Beruf“, sagt er. Unregelmäßige Arbeitszeiten, oft bis in den späten Abend hinein, und eine hohe psychische Belastung, gerade wenn jugendliche Intensivtäter Teil der Cliquen sind, fordern ihren Tribut. Dabei geraten auch erfahrene Streetworker mal an ihre Grenzen. „Es gibt immer Typen, die gucken, wie weit sie gehen können“, sagt Sari.

Es sei immer wichtig, Grenzen zu setzen, um in der Gruppe respektiert zu werden. „In der Regel funktioniert das aber gut“, sagt der 43-Jährige. Zwar sei einer der Honorarkräfte mal mit einem Pfefferspray angegriffen worden, das sei aber zum Glück eine Ausnahme, die meisten Konflikte bleiben auf der verbalen Ebene. Dennoch ist Sicherheit immer ein Thema. „Man darf sich nicht provozieren lassen“, betont Abdulkerim Sari. Ein besonderes Erfolgserlebnis ist es hingegen, wenn der Rest der Clique in einem Konflikt Partei für den Streetworker ergreift. Je länger man eine Gruppe kennt, desto mehr grenzen diese sich teilweise gegen Unruhestifter ab.

Und es gibt noch mehr schöne Momente. „Wenn ich durch bestimmte Gegenden in Blumenthal laufe, kommen Kinder angerannt, rufen meinen Namen und freuen sich, dass ich da bin – das treibt mich natürlich an“, sagt Nadine Egge. Für die Arbeit ist es immer auch wichtig, einen Teil von sich preiszugeben. Abdulkerim Sari bringt das auf die einfache Formel: „Das Werkzeug, mit dem wir arbeiten, sind wir selbst.“

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