Die Gräber der „Glaubensrebellen“

15 Jahre lang gruben die Archäologen nahe der Kiesgrube in Daerstorf. Dort fanden sie Überreste einer kompletten Siedlung aus dem frühen achten bis späten neunten Jahrhundert. Damals lebten die Sachsen und ihr Vieh noch unter einem Dach. Etwas abseits standen Kleinhäuser. In ihnen webten die Frauen Flachs.

Dann entdeckten die Archäologen in unmittelbarer Nachbarschaft der Siedlung ein großes Gräberfeld. „Nur äußerst selten sind bislang die Überreste einer Siedlung samt Friedhof aus dieser Zeit zusammen entdeckt worden“, sagte Chef-Archäologe Dr. Jochen Brandt nach dem Fund

Christliche Gräber neben heidnischen Vorfahren

Dann eine weitere überraschende Entdeckung: Die Gräber der christianisierten Sachsen liegen unmittelbar neben denen ihrer heidnischen Vorfahren. „Das war ein klarer Verstoß gegen die Anordnung Karls des Großen. Er hatte das Sachsenland erobert und die Bewohner gezwungen, zum christlichen Glauben überzutreten. Karl der Große hatte den Sachsen bei Todesstrafe verboten, ihre Toten bei ihren heidnischen Vorfahren zu bestatten. Doch die Sachsen führten ihre alte Tradition fort und begruben ihre Toten weiterhin auf dem Gräberfeld“, erklärt Brandt. „Eigentlich hätten sie die Toten zur nächsten Kirche bringen und auf dem dortigen Friedhof begraben müssen. In Tostedt gab es bereits eine Kirche.“

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Aus den Gräberfunden konnte Kreisarchäologe Jochen Brand damals Rückschlüsse auf das Leben der Menschen im frühen achten Jahrhundert machten.

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Ein Blick in die Gräber: Während im obigen Grab das Skelett noch erhalten ist, ist im unteren Grab nur noch der Abdruck der Leiche, der sogenannte „Leichenschatten“, zu sehen. 

40 „christliche Gräber“ in West-Ost-Ausrichtung fanden die Archäologen auf der Weide bei Daerstorf. „Die Schädel liegen gen Westen. Am Tag der Auferstehung sollten sich die Toten aufsetzen und gen Osten blicken können. Wie die Sonne im Osten aufgeht, soll Gott als Licht der Welt laut christlicher Tradition von dort zum Jüngsten Gericht erscheinen“, erklärt Brandt. „Diese Gräber sind  jünger als das einzige Kreisgrab auf dem Gelände. In diesem Grab liegt der Kopf des Toten gen Norden, was der heidnischen Bestattungsweise entspricht. Das brachte uns zu unserer Schlussfolgerung. Im Gräberfeld spiegelt sich der Übergang von der heidnischen in die christliche Zeit wider“, resümiert  Brandt.

Ab und an gibt es

einen „Leichenschatten“

Die Grabstätten geben nur noch wenig über unsere Vorfahren preis. In dem feucht-sauren Boden sind Holzsärge und Körper längst verwest. Nur ab und an sind in der Erde dunkle Schatten zu sehen, die sogenannten „Leichenschatten“. Fundstücke in Gräbern sind ebenfalls selten. Doch einmal hatten die Archäologen Glück: Im Sommer des letzten Jahres fanden sie einen Eisenkrampen. Er diente vermutlich zum Verklammern der Sargdeckel. „Wir wissen nicht, wie die Särge vor ungefähr 1200 Jahren ausgesehen haben. Die Krampen geben allenfalls Hinweise darauf“, sagt Brandt.