Hildesheim: Kirchen zum Abbruch freigegeben?

Im Bistum Hildesheim sind etliche Kirchen geschlossen worden. Das wirft auch die Frage nach dem architektonischen Wert der Nachkriegskirchen auf – ein Problem, mit dem sich der Kunsthistoriker Dr. Godehard Hoffmann beschäftigt hat.

Die Kirchen des Mittelalters, der Renaissance und des Barock haben längst einen anerkannten Platz im europäischen Kulturerbe eingenommen. Auch die Erhaltenswürdigkeit der historistischen, überwiegend neoromanischen oder neogotischen Kirchen des 19. Jahrhunderts steht mittlerweile außer Frage. Das sieht für den Kirchenbau des 20. Jahrhunderts ganz anders aus, dessen architekturgeschichtliche Bedeutung erst allmählich wahrgenommen wird. Das Verdikt „Gebetsschuppen“ oder „Kirchenfabrik“ ist noch im Umlauf. Solche Vorbehalte gilt es zu überdenken, sind doch in der Nachkriegszeit nicht nur ungewöhnlich viele, sondern teils auch sehr qualitätvolle Kirchen gebaut worden. Gerade das Diasporabistum Hildesheim stand nach 1945 angesichts kriegszerstörter Bauten sowie des Zuzuges zahlreicher katholischer Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vor einer gewaltigen Aufgabe.

Braunschweig
Bückeburg
Meine
Hoffmann

Eingebunden in die jeweilige Architektur

Kirchenbau war und ist zu jeder Zeit in das allgemeine architektonische Geschehen eingebunden. Romanische Formen waren im Mittelalter keineswegs sakralen Bauten vorbehalten, nur kann rückblickend ein solcher Eindruck entstehen, weil die Mehrheit der profanen Bauwerke unterging, während Gotteshäuser seit jeher einen besonderen Schutz genießen. Und so sind auch die Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts in einem Kontext entstanden, der wesentlich von der Architektur der Moderne bestimmt wird, die in unterschiedlichen Schattierungen breite Auswirkungen bis in die Gegenwart zeigt.

Mit dem Schlagwort „Ornament ist Verbrechen“ (nach einem 1908 publizierten Aufsatz des Wiener Architekten Adolf Loos (1870–1933) waren die Architekten der Moderne gegen die überbordenden Formenfülle des späten Historismus angetreten, der mit allen historischen Baustilen bis zum Überdruss aufgewartet hatte. Gleichzeitig kamen aus dem Bereich des Designs, des Wohnungsbaus und der Hygiene Forderungen nach Zweckmäßigkeit. In dem Streben nach Funktionalität wurde die Architektur nun auf eine Schlichtheit reduziert, wie es sie kaum jemals in der Baugeschichte gegeben hatte. Außerdem kamen neue Baustoffe zum Einsatz, die sich industriell fertigen ließen, vor allem Beton, Stahl und Glas.

Auf den Kirchenbau der beiden großen christlichen Konfessionen wirkte sich das mit nur geringer Verzögerung aus. Gewiss stritt man anfangs über die Frage, ob Beton für ein Gotteshaus ein geeignetes Material sei, doch schon bald waren solche Vorbehalte ausgeräumt. 

Bruch mit den Traditionen

Zu den berühmtesten Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts gehört die Wallfahrtskapelle im französischen Ronchamp von Le Corbusier aus dem Jahr 1955. Als Nachfolgerin einer kriegszerstörten Marienkapelle nimmt der Neubau engsten Bezug auf die Wege der heranziehenden Pilger. Der Architekt brach aber – in Absprache mit Dominikanern, die den Atheisten berieten – völlig mit den kirchlichen Bautraditionen und spielte virtuos mit geschwungenen Formen. Spätestens seit diesem Bau waren Kirchenbaumeister frei in der Gestaltung der Architektur.

Das Bistum Hildesheim war durch den Zweiten Weltkrieg von umfassenden Veränderungen betroffen. Es nahm schon vor Kriegsende deutsche Kriegsflüchtlinge aus dem Westen und schließlich Ströme von Vertriebenen aus dem Osten auf. Später kamen Gastarbeiter aus den südlichen europäischen Ländern hinzu. Angesichts der hohen Zahl katholischer Christen unter den Neuankömmlingen änderte sich die Struktur des Diasporabistums. Nicht weniger als 300 Kirchen sind deshalb zwischen 1945 und 1987 neu erbaut worden, wozu das Bonifatiuswerk einen großen Teil der Mittel beisteuerte. Die Kirchenarchitektur ist seitdem in weiten Bereichen von Nachkriegsbauten geprägt. Nachkriegskirchen sind ein Charakteristikum des Bistums Hildesheim.

Die Kirchenarchitektur der 1950er Jahre war im Bistum Hildesheim – und nicht nur hier – anfangs von einem Ringen zwischen Tradition und Moderne geprägt. St. Christophorus von Peter Koller in Wolfsburg aus dem Jahr 1951 zeigt sich noch mit einer Natursteinverkleidung. Weiß verputzt ist Heilig Geist in Braunschweig-Lehndorf von Fritz Hauck (1952). Auch hier trägt das Schiff noch ein Satteldach, doch ist der vielbeachtete Turm – wie bei St. Christophorus in Wolfsburg – als ein Campanile davor gestellt. Eines der eindrucksvollsten Bauwerke aus dieser Frühzeit ist die Dominikanerkirche St. Albertus Magnus in Braunschweig von dem Kölner Architekten Hans Lohmeyer aus dem Jahr 1958. Hier ist eine Betonkonstruktion mit Backstein ausgefacht. In den 1960er Jahren traten solchermaßen traditionell konzipierte Wegkirchen dann in den Hintergrund, um vielfältigsten Raumformen Platz zu machen.

Wilhelm Filke aus Bremerhaven hatte 1959 mit St. Nikolaus in Bremerhaven-Wulsdorf einen geschlossenen Kastenraum mit als Schale abgesetzter Apsis geschaffen. 1974 errichtete er dann St. Ansgar in Bremerhaven-Leherheide über einem fächerförmigen Grundriss, sodass die Gemeinde von allen Plätzen ein gute Sicht auf den Altar hat. Gleichzeitig entstand nach Filkes Entwurf mit St. Maximilian Kolbe in Hamburg-Wilhelmsburg, das heute zum Erzbistum Hamburg gehört, eine der bemerkenswertesten Kirchen.

1961 hat Peter Koller jun. in Wolfsburg die St.-Heinrich-Kirche erbaut, deren Architektur stark ikonograpisch ausgerichtet ist und an die Krone des heiligen Königs Heinrich II. erinnern soll. Schlusche & Rösner aus Minden bauten 1966 mit St. Marien in Bückeburg einen kastenförmigen Bau, dessen architektonische Strenge später auf wenig Verständnis stieß.

Nach Plänen des Architekten Hermanns aus Kleve wurde 1974 in Wolfsburg-Detmerode die vielteilige Pfarrkirche St. Raphael errichtet, die dem Betonbrutalismus zuzurechnen ist. Solche Bauten stoßen noch heute auf Skepsis, angesichts der „brutalen“, das heißt völlig ungeschminkten Zurschaustellung des Materials, der Statik und der Funktion (und das ist mit dem Begriff gemeint).

Damit seien einige mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Kirchenbauten im Bistum Hildesheim vorgestellt. Man könnte noch eine Vielzahl Nachkriegskirchen anführen, doch ist dafür hier nicht der geeignete Ort. Zunächst fehlt es an einer systematischen Erfassung der Nachkriegskirchen im Bistum Hildesheim (ebenso in den meisten anderen Bistümern ). Weiterhin wäre nach der Herkunft und Ausbildung der Architekten zu fragen.

Überwiegend scheint man die Aufträge an Baumeister aus der Region vergeben zu haben, beispielsweise Wilhelm Fricke aus Hannover, Wolfgang Tschirschwitz oder Alois Hafkemeyer aus Braunschweig. Doch kamen auch Auswärtige zum Zug: Fritz Schaller aus Köln entwarf St. Bonifatius in Hessisch Oldendorf (1949–50), weil er während der Kriegszeit im Weserbergland gewohnt hatte. 1961 baute er Maria Königin des Friedens in Hessisch Oldendorf-Fischbeck. Mehrfach für das Bistum tätigen Architekten wie Bieling (Kassel), Lippsmeier (Paderborn), Scholten (Bergisch Gladbach), Kleffner (Essen), Reuter (Kassel) oder Rumpf (Paderborn) ist – neben anderen – noch nachzuspüren.

Kirche aus Fertigteilen entwickelt

Die Bauabteilung des Bischöflichen Generalvikariats hat sich ebenfalls aktiv am Entwurfsgeschehen beteiligt. Viele Kirchen sind von Baurat Joseph Fehlig sen. entworfen worden. Als um 1970 der Bedarf an neuen Gotteshäusern am größten war, entwickelte er schließlich eine einfache Kirche aus Fertigteilen. Mehr als ein Dutzend Bauten desselben gleichförmigen Typs stehen – noch – im Bistum. Hinzu kommen individueller gestaltete Kirchen aus vorgefertigten Teilen des Baumeisters. Sie sind inzwischen Ausdruck einer abgeschlossenen Epoche, denn in den 1980er Jahren kam der Kirchenbauboom an sein Ende. Nichtsdestoweniger entstanden bis in die jüngste Zeit hinein in ganz Europa architektonisch eindrucksvolle Sakralbauten.

Der Umgang mit den Nachkriegskirchen tritt nun in eine neue Phase. Nach ihrer Errichtung waren sie Objekte eines alltäglichen Gebrauchs, auf den sie zugeschnitten waren und der deshalb zunächst wenig Fragen aufwarf. Inzwischen hat sich die Situation in mehrerlei Hinsicht verändert. Die Zahl der Kirchenmitglieder, Gottesdienstbesucher sowie Priester sinkt weiterhin und es stehen weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Überdies nimmt das Verständnis für die liturgischen Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab.

Darüber hinaus sind die Nachkriegskirchen nach etwa einem halben Jahrhundert zum großen Teil sanierungsbedürftig. Was noch einer solchen Zeitspanne zunächst eine bauliche Selbstverständlichkeit ist, wird jedoch aufgrund der modernen Materialien zu einer nicht vorhergesehenen Problematik. Beispielsweise sind in den 1950er und 60er Jahren die Armierungen von Stahlbeton lediglich ca. 2 cm unter der Oberfläche verlegt worden. Wasser konnte darum die dünnen Betonflächen vielfach durchdringen, was zu Rostbildung im Inneren und schließlich zum Aufplatzen von Oberflächen im Außenbereich führt. Reparaturen sind aufwendig und inzwischen Gegenstand restauratorischer Analysen. Auch Materialien wie Glas oder Stahl veränderten sich im Verlauf dieser Zeit vergleichsweise schnell. Die Isolierungen entsprechen nicht gegenwärtigen Anforderungen und elektrische Anlagen sind überholungsbedürftig. Angesichts hoher Sanierungskosten steigt deshalb die Neigung, sich von einem problematischen Kirchenbau womöglich vollständig zu trennen.

Schließlich stehen die Nachkriegskirchen heute grundsätzlich an einem Wendepunkt: Sie werden von „Gebrauchsgegenständen“ zu Objekten der Tradition – oder sie werden es nicht. Kirche für Kirche wird die Frage zu beantworten sein, ob ein Bau zukünftig erhalten werden soll, weil man ihm eine besondere Wertschätzung entgegenbringt, und zwar unabhängig von einer zukünftigen Nutzung.

Die Nachkriegskirchen stehen an der Schwelle zur Aufnahme in das kulturelle Gedächtnis, in dem die Gesellschaft Architektur und auch Kunst, Literatur oder Musik sammelt, ohne einen vordergründigen materiellen Nutzen zu erwarten. Die Entscheidungen darüber werden in unserem Land einerseits durch allgemeine Konsensbildung getroffen, andererseits durch von der Öffentlichkeit beauftragte Fachleute: Denkmalschützer.

Gründliche Bewertung vornehmen

Die Konsensbildung befindet sich bezüglich des Nachkriegskirchenbaus noch in ihrer vitalen Phase und ist noch lange nicht abgeschlossen. Viele der an der Gründung der Kirchen beteiligten Personen leben noch. Im Extremfall bedeutet dies, dass Gemeindemitglieder, die Geld für ihre neue Kirche aufgebracht hatten, nun deren Abriss zuschauen müssen. An vielen Orten kommt gerade aus diesem Personenkreis heute Widerstand gegen die Schließung von Kirchen. Man beachte: Darin liegt die große Chance, Zeitzeugen in den Prozess der Bewertung einzubeziehen. Auch einige der Kirchenbaumeister können noch befragt werden.

Zu jeder Zeit ist es eine Selbstverständlichkeit, dass außer Gebrauch gesetzte beziehungsweise unmodisch gewordene Objekte gering geschätzt werden. Sie werden der Vernichtung anheimgestellt oder der Traditionspflege überantwortet. Das gilt auch für die Nachkriegskirchen: Viele von ihnen werden die kommenden Jahre nicht überstehen. Gerade deshalb müssen sie jetzt einer gründlichen Bewertung unterzogen werden, die nicht allein von wirtschaftlichen Kriterien ausgehen darf, sondern sich auch an architektur- und kirchengeschichtlichen Aspekten orientieren muss.

Eine ganze Reihe als architekturgeschichtlich bedeutsam anerkannter Bauten finden sich heute schon in den öffentlichen Denkmallisten. Doch während die herausragenden Bauten beispielsweise des Pritzkerpreisträgers Gottfried Böhm schon lange unter Schutz gestellt sind, kann über die Werke weniger bekannt gewordener Architekten vielfach noch gar nicht geurteilt werden, weil wir zu wenig darüber wissen.

Dazu gilt es noch viel Forschungsarbeit zu leisten, was angesichts des aktuellen Zeit- und Kostendruckes keine leichte Aufgabe ist.

Unser Bistum: 
Hildesheim, Niedersachsen