Kirchenaustritte

Schon als Pfarrer hat Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger die Menschen angeschrieben, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Auch als Weihbischof sucht er bei seinen Visitationen in den Dekanaten das Gespräch mit den Frauen und Männern, die die Kirche verlassen haben. Ein Interview
 

Wann haben Sie damit angefangen? Was war der Anlass?

Äußerer Anlass war die Austrittswelle nach dem 2010 öffentlich gewordenen Missbrauchsskandal. Auch in den folgenden Jahren war und ist bis heute die Zahl der Austritte außerordentlich hoch. Ich habe jedoch gedacht, dass wir das als Kirche nicht einfach achselzuckend hinnehmen sollten. So habe ich begonnen, bei meinen Visitationen Ausgetretenen zu schreiben. Ich habe Respekt vor ihrer Entscheidung, aber bedauere sie doch. Vor allem aber möchte ich mit ihnen – in einem geschützten Rahmen – ins Gespräch kommen, etwas von ihren Gründen erfahren und hören, was wir als Kirche daraus zu lernen haben. Die erste Begegnung dieser Art war 2011 während meiner Visitation im Dekanat Goslar-Salzgitter.

Austrittsstatistik

Ein- und Austrittsstatistik im Bistum Hildesheim

Weihbischof Nikolaus Schwertfeger

„Mir ist wichtig, zu verstehen, warum einer austritt“, sagt Weihbischof Dr. Nikolaus Schwertfeger. Er trifft sich bei seinen Besuchen in den Dekanaten immer auch mit Menschen, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind.

Wie viele kommen denn zu diesen Treffen?

Dank überaus hilfsbereiter Pfarrsekretärinnen werden in einem Dekanat wohl an die dreihundert Einladungen verschickt. Darauf bekomme ich etwa zehn bis zwanzig E-Mails oder Briefe. Das heißt: Nur ein kleiner Teil der Angeschriebenen reagiert auf meine Einladung. Ist das wenig, könnte man sich fragen? Aber jeder Einzelne ist wichtig. Die meisten, die mir antworten, sind zunächst einmal positiv überrascht, von der Kirche doch noch Post zu bekommen. Und viele erzählen, oft sehr detailliert, was sie zu ihrem Schritt bewogen hat und wo sie sich Änderungen in der Kirche wünschen. Ich versuche, auf jedes Schreiben auch zu antworten. Manchmal entsteht so ein kleiner Briefwechsel. Beim Gespräch selbst ist es eine kleine Gruppe, die zusammenkommt, bislang zwischen zwei und neun Personen.

 

Warum treten Menschen aus der Kirche aus? Mit welchen Gründen wurden Sie in den Gesprächen konfrontiert?

In den Schreiben oder bei den Gesprächen wurden vor allem vier Gründe genannt, die zum Austritt geführt haben. Zunächst war es der Missbrauchsskandal. Für nicht wenige ist der Grund für den Austritt eine zweite Heirat nach der Scheidung, weil sie sich in der katholischen Kirche nicht mehr willkommen fühlen. Ein dritter Grund ist das Thema Kirche und Geld, nicht selten das sogenannte Besondere Kirchgeld oder jetzt vermutlich auch die Abgeltungssteuer auf Vermögenserträge, die direkt von den Banken an die Finanzämter abgeführt wird und worin auch die entsprechende Kirchensteuer enthalten ist. Der vierte und vielleicht sogar wichtigste Grund ist für viele eine menschliche Enttäuschung über das Miteinander in der Kirche.

 

Was heißt das konkret?

Jemand schrieb mir: „Vor zwei Jahren bin ich hierher gezogen, und niemand von der Kirche hat mich begrüßt. Jetzt bin ich ausgetreten und habe sofort einen Brief bekommen.“ Ich habe mit Menschen gesprochen, die selbst Missbrauchserfahrungen in der Kirche gemacht haben und zum Teil nach vielen Jahren schließlich ausgetreten sind. Es kamen Konflikte, Ärger oder Unzufriedenheit mit offiziellen Kirchenvertretern zur Sprache, das Leiden am Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen und anderes mehr. Der Hauptgrund, der sich für mich herauskristallisiert hat, sind aber doch Erfahrungen, dass sich einer von der Kirche in einer wichtigen Lebenssituation verletzt oder alleingelassen fühlte. Was ich in den Briefen und Gesprächen an Schicksalen erfahren habe, hat mich berührt. Etliche haben mir gesagt, dass sie ihren Glauben an Gott nicht verloren haben, aber das Vertrauen in die Kirche.

 

Waren die Menschen in den Gesprächen verbittert?

Die zum Gespräch gekommen sind oder sich schriftlich gemeldet haben, haben ihren Schritt meistens schon innerlich mit sich geklärt; insofern konnte ich kaum Verbitterung spüren. Und dennoch hatte ich immer wieder den Eindruck, als ginge die Ent-scheidung, die Kirche zu verlassen, doch noch nach. Einer sagte: „Es ist, als wenn ich meine Familie verlassen hätte.“ Viele haben klar und deutlich ihre Gründe erläutert, und es war möglich, in einer guten Atmosphäre darüber zu sprechen. Es kam auch vor, dass dabei alte Wunden, die auch nach vielen Jahren noch immer nicht richtig verheilt waren, wieder neu aufbrachen und Tränen geflossen sind. Gar nicht so weni-ge von denen, mit denen ich Kontakt hatte, haben eine neue Heimat in der evangelischen Kirche gefunden. Sie sind konvertiert, weil sie zum Beispiel als geschiedene Wiederverheiratete die neue Lebensgemeinschaft unter Gottes Segen stellen wollten. Einige von ihnen engagieren sich heute ganz toll in der evangelischen Kirche, so wie sie es früher einmal in der katholischen getan haben.

 

Nehmen Sie aus den Gesprächen etwas für die Seelsorge im Bistum mit?

Die Erfahrungen, die ich in den Gesprächen gemacht habe sind nicht nur für mich wertvoll, sondern auch für unsere Seelsorge. Die traumatischen Erfahrungen eines Missbrauchs sind auch nach Jahren nicht „abgeschlossen“; wir müssen uns noch mehr bemühen, die Opferperspektive zu lernen. Eine leidvolle Frage bleibt: Wie gehen wir mit wiederverheiratet Geschiedenen um? Eine andere: Wie können wir das Thema Kirche und Geld besser transparent machen? Solche Transparenz oder auch die Kommunikation über schmerzliche Entscheidungen, wie etwa eine Kirchenschließung, sind enorm wichtig.

Es gilt aber auch: Jeder kann etwas tun. Wir – und da meine ich unsere Haupt- und Ehrenamtlichen in der Seelsorge, aber auch jedes Gemeindemitglied – müssen auf die Menschen zugehen. Wir müssen den Kontakt zu ihnen halten, sie ansprechen – und dürfen sie nicht allein lassen. Der Geburtstagsbesuch durch einen Priester oder ein Mitglied des Besuchsdienstes, der freundliche Gruß an der Kirchentür nach dem Gottesdienst oder der Besuch bei neuen Gemeindemitgliedern sind kleine Dinge, die nicht zu unterschätzen sind. Oft würde es schon ausreichen, beim Austragen der Pfarrbriefe ab und an einmal zu klingeln und ihn mit ein paar freundlichen Worten direkt abzugeben und nicht anonym in den Briefkasten zu stecken. Eine Studie der evangelischen Kirche hat übrigens festgestellt: Wer seinen Pfarrer persönlich kennt, tritt in der Regel nicht aus.

 

Werden Sie auch bei künftigen Visitationen weiterhin das Gespräch mit ausgetrete-nen Katholiken suchen?

Im kommenden Jahr bin ich zum Pastoralbesuch im Dekanat Weserbergland. Auch da will ich Ausgetretene zu einem Gespräch einladen. Es ist mir ein Herzensanliegen, denn bei rund 90 Prozent aller Rückmeldungen war bislang der Tenor: Danke, dass sie an uns denken und trotz des Austritts den Kontakt zu uns aufgenommen haben.

 

Gab es auch Wiedereintritte in der Folge der Gespräche?

Von einigen wenigen habe ich gehört. Gewöhnlich bekomme ich das allerdings gar nicht mit. Meine Briefe und Gespräche aber haben nicht das Ziel, jemanden wieder zum Eintritt zu überreden. Mir ist wichtiger, zu verstehen, warum einer austritt und vielleicht auf diesem Weg auch etwas wie Versöhnung innerhalb der eigenen Lebensgeschichte und mit der Kirche zu ermöglichen. Ein bisschen in dem Sinn, wie es Papst Franziskus gesagt hat: „Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen – Nähe und Verbundenheit.“

 

Interview: Edmund Deppe

Unser Bistum: 
Hildesheim, Niedersachsen