Kardinal Nikolaus von Kues und die Bursfelder Klosterreformation

Mit Geld prassen, mit Waren handeln und sogar Mätressen aushalten: Das Leben im Kloster war nicht immer fromm. Für seine Reform stritt Kardinal Nikolaus von Kues – auch im Bistum Hildesheim.

Eigentlich war es nur ein kleines Kloster, ziemlich unbedeutend sogar: Gut, die Doppelkirche der Benediktinerabtei Bursfelde bei Hann. Münden war noch wuchtig. Schließlich war sie einst als Kloster für Adelsgeschlechter gegründet worden. Um 1093 gestiftet vom Northeimer Graf Henricus Crassus, was wahlweise als Heinrich der Reiche oder Heinrich der Fette übersetzt werden kann. Seine Gebeine ruhten auch in Bursfelde.

Aber das war drei Jahrhunderte später nur noch graue Erinnerung. Für 1398 sind nur noch vier Brüder verzeichnet. Doch nimmt hier wenige Jahre später eine Bewegung ihren Ausgang, die als Bursfelder Reformbewegung in die Geschichte eingegangen ist – und die zahlreichen Klöster im Bistum Hildesheim grundlegend wandelte.

1430 wurde der Benediktinermönch Johannes Dederoth zum Abt des Klosters Clus bei Gandersheim gewählt, drei Jahre später übernahm er dieses Amt zusätzlich in Bursfelde.

Kardinal Kues

Ungeliebter Mahner: Auf unzähligen Reisen setzte sich Kardinal Nikolaus von Kues für eine Reform der kirchlichen Disziplin ein – auch im Bistum Hildesheim.

Bursfelde

Blick auf das Kloster Bursfelde

Die Kirche als Warenlager für durchziehende Händler

Die Zustände in Bursfelde waren haarsträubend: Die Mönche teilten den Klosterbesitz unter sich auf und sollen sich sogar  Mätressen gehalten haben. Die Klosterkirche diente zeitweise als Warenlager für durchziehende Händler. Und nicht nur in Bursfelde.

Dederoth suchte sich Hilfe in Trier. Wie er wollte dort auch Abt Johannes Rode  durchsetzen, dass die Mönche ihre Lebensführung wieder an der Ordensregel des heiligen Benedikt und an den evangelischen Räten – Armut, Keuschheit, Gehorsam – ausrichten. 

Die beiden Äbte schöpften dabei aus der Tradition  der Devotio moderna (lateinisch: „neue Frömmigkeit“). Sie hatte ihren Ursprung in den Niederlanden – durch das Wirken des „gottbegeisterten Gerhard Groot“, wie Kardinal Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Bistumsgeschichte schreibt: „Gebet, Betrachtung, Studium der Heiligen Schrift, anstrengende Arbeit und stete Entsagung bildeten die Grundzüge des Strebens nach Vollkommenheit“, erläutert Bertram weiter. Groot gründete die „Brüder vom gemeinsamen Leben“, die 1430 auch nach Hildesheim kamen. Ihre Predigt der „tiefen Gottsinnigkeit im Geiste der Liebe“ fiel bei Dederoth auf fruchtbaren Boden: „In Clus und Bursfelde entzündete er die sterbende Flamme des religiösen Eifers neu“, wie Bertram es beschreibt: der Ursprung der Bursfelder Reformbewegung. Dederoth selbst war es nicht mehr vergönnt zu sehen, wie, über seine Klöster hinaus, die Reform zu wirken begann. Er starb 1439 an der Pest.  Sein Nachfolger als Abt von Bursfelde, Johannes von Hagen, setzte sein Vermächtnis erfolgreich fort.

Allein in damals deutlich kleineren Bistum Hildesheim um das Jahr 1500 gab es mehr als 50 Männer- und Frauenklöster, listet Bistumsarchivar Dr. Thomas Scharf-Wrede auf – oftmals gegründet, um Töchter und Söhne aus begüterten Häusern aufzunehmen. Auch das ließ die religiösen Sitten verlottern. Reform tat weiter not.  1450 ernannte Papst Nikolaus V. den einzigen deutschen Kardinal und Fürstbischof von Brixen, Nikolaus von Kues, zum päpstlichen Legaten. Ausgestattet mit außerordentlichen Vollmachten zur Kirchen. und Klosterreform, machte sich Kues auf eine Visitationsreise. Sie führte ihn Anfang Juli 1451 in das Bistum Hildesheim.

 

Abt von St. Michaelis zum Rücktritt gezwungen

Nikolaus von Kues verlor keine Zeit. Er reformierte die große Benediktinerabtei St. Michaelis, hobt die Aufteilung der Güter zwischen Abt und Konvent auf und machte den Mönchen die Lebensweise der Bursfelder Reform zu Pflicht. Wer sich nicht fügte, wurde versetzt. Auch zwang der Kardinal den seiner Ansicht nach ungeeigneten Abt zum Rücktritt, um einem jüngeren, reformwilligen Mitbruder aus Bursfelde Platz zu machen. Auch im Godehardi-Kloster und im Johannis-Hospital setzte er die neue Ordnung durch oder bestätigte deren Einführung.

Aber auch den weltlichen Klerus ließ Kues nicht ungeschoren. Vikaren befahl er die Teilnahme an Chordiensten – „mit Strenge“, wie Bertram ergänzt. Und Archidiakonen, also den Vorstehern eines Kirchensprengels, verbot er in Prozessen um Geldforderungen mit dem Interdikt, der Kirchenstrafe, zu drohen.

Auch mit dem Rat der Stadt Hildesheim legte sich der wortgewaltige Kardinal an. Er forderte ihn auf, sich strenger an die Heiligung des Sonntages zu halten.  Auch der Handel sollte am Tag des Herrn verboten sein. Einzige Ausnahme: der Verkauf von Fleisch, allerdings erst ab Mittag.

Unterstützung fand Nikolaus von Kues beim Hildesheimer Bischof Magnus. Er förderte die Reform der Klöster – und griff auch zu rigorosen Maßnahmen. Zum Beispiel, als es einem weiteren Klosterreformer, Johannes Busch, nicht gelang die Augustinerinnen in Derneburg zur Einsicht in ein gottgefälliges Leben zu bringen. Die Ordensfrauen wollten sich nicht in die  Einführung eines gemeinsamen Kloster- und Gebetslebens fügen. Kurzerhand erschien Bischof Magnus eines Morgens bei den Augustinerinnen, ließ sie auf einen Wagen setzen und verfrachtete sie in andere Klöster. Danach führte er Zisterzienserinnen aus Wöltingerode ein. 

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Bursfelde, Niedersachsen