Dorothea Fischer: Ein Brief rettete ihr das Leben

Wenn Zeitzeugen von Flucht und Vertreibung erzählen, gibt es auch immer wieder Berichte, die von Nächstenliebe erzählen. Manche Menschen wuchsen regelrecht über sich hinaus. Diese stillen Helden der Menschlichkeit haben dafür nie eine Auszeichnung erhalten. Zudem sind die meisten, die sich an sie in Dankbarkeit erinnern könnten, schon gestorben. 

Wie einen Schatz hat Dorothea Fischer den Brief gehütet, den der Kriegsgefangene Daniel Gurow Iwanowitsch geschrieben hat

Dorothea Fischer aus Lohnde bei Hannover hält ein altes, rissiges Blatt Papier vor sich hin. Seit Jahrzehnten hütet sie dieses Blatt wie einen Schatz. Denn die in kyrillischer Schrift geschriebenen Worte haben ihr wohl das Leben gerettet: damals, als Dorothea Fischer noch Dorothea Weiß hieß und ein neunjähriges Bauernmädchen im schlesischen Ort Eichenau (Wojcice) an der Glatzer Neiße war. „Das ist ein Schutzbrief. Den hat unser russischer Kriegsgefangener geschrieben.“

 

Ein russischer Opernsänger in Kriegsgefangenschaft

Dieser Kriegsgefangene namens Daniel Gurow Iwanowitsch ist auf dem Eichenauer Bauernhof als Knecht eingesetzt. Er stammt aus Ordschonikidse, ist im Jahr 1908 geboren und hat einen außergewöhnlichen Beruf. Daniel Gurow Iwanowitsch ist Opernsänger.

Dorothea Fischer hat ihn noch gut in Erinnerung: „Er war sehr fleißig und sauber. Am Abend, wenn er mit der Arbeit fertig war, hat er in unserem Kuhstall einen Waschzuber aufgestellt und sich im dicken Seifenschaum geschrubbt.“ Niemals zuvor und danach haben Milchkühe auch ein solches Kulturprogramm erlebt. Denn während der Opernsänger im warmen Kuhstall badet, schmettert er seine Arien. Obwohl es verboten ist, darf Daniel Gurow Iwanowitsch beim Essen mit am Tisch sitzen. Am Nachmittag bekommt er wie die Familienmitglieder ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Mit der Familie verrichtet er auch das Tischgebet, wobei er das Kreuzzeichen nach orthodoxer Tradition weit ausholend von rechts nach links schlägt. „Sein Wunsch war es, einmal am Sonntag die heilige Messe besuchen zu dürfen. Das war ebenfalls verboten. Aber meine Mutter hat es geschafft, ihn unbemerkt hinten ins Kirchenschiff einzuschmuggeln“, erinnert sich Dorothea Fischer.

 

Ein Schutzbrief für die Flucht aus Schlesien

Als die Rote Armee Schlesien überrennt und schlimmste Gewalt-exzesse veranstaltet, zeigt sich der ehemalige Kriegsgefangene seinen früheren Dienstherren gegenüber dankbar. Er versteckt sie und bevor er mit einem Rücktransport in die Heimat fährt, schreibt er am 10. Mai 1945 einen Brief und gibt ihn Dorothea Fischers Vater Heinrich Weiß. „Wenn sowjetische Soldaten kommen, dann zeigt ihnen das“, sagt er und drückt die Familie zum Abschied an sich. Die Familie hat nie wieder etwas von ihm erfahren. „Der Brief hat uns immer geholfen. Wir wussten nicht, was darin stand. Aber wenn wir ihn russischen Soldaten zeigten, haben sie gegrüßt und sind gegangen.“

 

Das Geheimnis des Briefes wurde erst nach Jahrzehnten gelüftet

Erst vor einigen Jahren, als eine russlanddeutsche Bekannte das Schreiben übersetzte, erfuhren sie, was darin stand: „Ich, Gurow Daniel Iwanowitsch, war ein Kriegsgefangener und habe gearbeitet bei diesem Bauern Heinrich Weiß vom 4. Februar 1944 bis 10. Mai 1945. In der Zeit meines Lebens bei ihm habe ich nie ein schlechtes Wort gehört; weder von ihm noch von seiner Familie. Ich habe wie ein Mitglied der Familie gelebt. Sie haben mich gepflegt, wie eine Mutter ihren Sohn pflegt. Als ich wegging von ihm, hat er mich von Kopf bis Fuß neu angezogen. Er gab mir einen neuen Anzug, einen Sommermantel, Schuhe und einen Pelz. Also alles, was ich nötig hatte. Und so bitte ich meine Landsleute, dass dieser Familie nichts angetan wird. Unterschrieben von mir persönlich Gurow D. I.“

Der Schutz, den die Bauernfamilie Weiß in Eichenau durch ihren früheren russischen Kriegsgefangenen erhalten hat, ist kein Einzelfall. Gleiches berichtet die ebenfalls aus Eichenau stammende Bauerntochter Elisabeth Quaschigroch (geb. Thiel), die heute in Bokeloh (Wunstorf) wohnt: „Die Rotarmisten kamen und suchten die Häuser und Ställe nach Frauen ab. Da hat sich unser Kriegsgefangener, Nikolaj Bojtschakow, vor die Tür gestellt und gesagt: ´Hier sind überhaupt keine Deutschen mehr.´ Gott sei Dank haben die anderen das immer geglaubt.“

Insgesamt ist es sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilverschleppten, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren, offenbar besser gegangen als denen, die in der Industrie arbeiten mussten. Ähnliches wird auch von Deutschen über die französische Kriegsgefangenschaft ausgesagt. Das engere Zusammenleben bei der Arbeit und die geringere Überwachung durch den Staat ließ einen Freiraum an Menschlichkeit zu. Diese Erfahrungen wirkten sich nach dem Krieg für die einstigen Dienstherren oft lebensrettend aus.

Unser Bistum: 
Lohnde, Niedersachsen