Dankbar für einen heißen Kakao

Erinnerungen an Friedland: Manchmal war es nur eine Durchgangsstation
Nur ganz kurz war Norbert Lange mit seiner Familie im Lager Friedland – doch die Erinnerung daran hat sich ihm eingeprägt. Er schildert sie hier:

Auch meine verstorbene Mutter, meine Schwester Dagmar und ich gehören zu den vielen tausend Menschen, die über das Lager Friedland in die damalige Britische Besatzungszone in die Diözese Hildesheim gekommen sind. Aber nun, wie es dazu kam.

Fluechtlingslager in Friedland

Kraft tanken nach einer anstrengenden Reise, so bleibt manchem das Lager auch nach nur kurzem Aufenthalt in Friedland in Erinnerung.

Unsere Familie lebte bis 1948 in Eichwalde – damals Kreis Teltow – am Stadtrand von Berlin. Mein Vater war seit 1919 Polizist in Berlin und konnte, da ab 1942 alles, was Polizei hieß, automatisch SS-Mitglied wurde, 1945 nicht nach Eichwalde zurückkommen, weil dort die Russische Besatzungszone war. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft in Dachau bei München – die Auslagerung seiner Dienststelle erfolgte im März 1945 dorthin – wurde er in seine Heimatstadt Hannover entlassen. Hier arbeitete er im Auftrag der britischen Besatzungsmächte an der Durchführung von Reparationen (bis 1947 in der Besatzungszone).

Im Mai 1948 bekam meine Mutter von unserem Vater die Genehmigung im Rahmen der UNRA-Zusammenführung von Familien (UNRA war eine Unterabteilung der UNO) in die Britische Besatzungszone mit uns zwei Kindern einzureisen. Die Ausreise aus der Russischen Besatzungszone wurde unter Auflagen (Mitnahme von bestimmtem Gepäck in Kilogramm) kurzfristig genehmigt. Der Grenzübergang war vorgeschrieben und hieß Heiligenstadt.

Meines Wissens sind wir am 28. April, einem Freitag, aufgebrochen und mit der Bahn über Halle und Sangerhausen nach Heiligenstadt gefahren. Die Fahrt dauerte zwei Tage und an einem Sonntag kamen wir dort an. Wir wurden mit anderen, auch nach Westen ausreisenden Menschen in ein Lager, in einer Schule, eingewiesen. Dort sollten wir so lange bleiben, bis der nächste Transport über die Grenze in die Britische Besatzungszone stattfand. In dem Lager in Heiligenstadt waren wir mit vielen ehemaligen Kriegsgefangenen, die auch in den Westen entlassen wurden, und so genannten Umsiedlern wie uns auf dreietagigen Holzpritschen untergebracht.

Wir waren ja noch Einwohner der Sowjetischen Besatzungszone und hatten unsere Lebensmittelmarken in Eichwalde den Zurückgebliebenen überlassen und bekamen nun nichts zu essen. Zur Strafe musste meine Mutter in der Küche Kartoffeln schälen und sonstige Arbeiten erledigen, damit wir drei Mahlzeiten oder überhaupt etwas zum Essen bekamen. Wie viel und was, weiß ich nicht mehr.

Am 3. Juni, also drei Wochen vor der Währungsreform, hieß es morgens – es war noch dunkel – „Alles aufstehen und draußen antreten! Der Transport geht in den Westen.“. Eine riesige Menge Menschen zog im langen Zug zum Bahnhof Heiligenstadt. Dort stand schon ein langer Personenzug und wir stiegen ein. Die Abteile waren dicht gedrängt voll. Der Zug fuhr los und nach einer Weile hielt er mitten in einem Feld an. „Alles aussteigen!“ – und wir mussten mit unserem Gepäck einen Feldweg in langer Kolonne zur Grenze gehen. Dort wurden wir noch einmal von Russen kontrolliert, ob die Einreise- und Ausreisepapiere in Ordnung waren. Dann konnten wir passieren und wurden im Westen von Frauen und Männern vom Roten Kreuz in Empfang genommen. Ich weiß noch ganz genau, meine Schwester und ich bekamen eine große Tasse heißen Kakao und meine Mutter eine Tasse Bohnenkaffee.

Wir wurden mit dem ganzen Gepäck auf Lastwagen aufgeladen, die komisch aussahen und nach einer kurzen Zeit waren wir im Lager Friedland. Dort bekamen wir erst mal was zu essen und zu trinken, in Heiligenstadt hatten wir morgens ja fast nichts bekommen.

Meine Mutter ging dann, um Erkundigungen einzuholen, wie wir nach Hannover weiterkommen könnten. Sie kam mit Fahrkarten zurück und wir konnten noch am gleichen Tag nach Hannover fahren. Nach einem Telefonat mit meinem Vater erwartete er uns in Hannover am Abend und wir waren glücklich.

Meine Schwester war 1948 sieben Jahre alt, ich war 14 Jahre alt. Unsere Wohnung hatten wir in Hannover-Südstadt, in unmittelbarer Nähe der Kirche St. Heinrich, die zu dieser Zeit noch zerstört war. Im Jahr 1961 habe ich meine Frau Helena in der Pfarrei St. Heinrich kennen gelernt, geheiratet und bis 1968 haben wir mit vier Kindern dort gewohnt. Nach dem Bau eines Eigenheims sind wir nach Sehnde gezogen und hier in St. Maria sind wir sehr glücklich und zufrieden.

 

Norbert Lange, Sehnde

Unser Bistum: 
Friedland, Niedersachsen
Friedland, Niedersachsen