Vertriebene – Verkannte Menschen

Im Westen gelten die ausgemergelten und abgerissenen Vertriebenen vielen der Einheimischen als Polacken oder das Pack aus dem Osten. Bis heute sehen darum viele den früheren deutschen Osten als eine recht primitive Region: eine Gegend, wo die Wölfe heulen.

Osterreiten im Sudetenland

Zum neuen Schuljahr am 1. April 1952 wurde in Empelde die Lagerschule geschlossen. Die Lagerkinder, die jetzt in die Empelder Volksschule gehen sollten, wurden von den ortsansässigen Schülern mit Steinen beworfen. „Unser Lagerpfarrer Josef Zach hat uns dann als Schutz begleitet“, erinnert sich Magdalena Littmann (geborene Berger) aus der Gemeinde St. Franziskus in Hannover-Vahrenheide. Mit acht Geschwistern und ihrer Mutter war sie, nachdem der Vater an den Folgen sowjetischer Zwangsarbeit gestorben war, aus Schlesien vertrieben worden. „Als wir hier ankamen, hatte ich das Gefühl, zwischen Vertriebenen und Einheimischen herrsche eine Art Kriegszustand. Erst als es mit dem Wirtschaftswunder für alle Menschen genug Arbeit gab, wurde das Verhältnis langsam besser.“

Schon nach dem ersten Augenschein wurden die Neuen abgelehnt. Wie sahen sie auch aus?! Abgerissen und oft verlaust waren sie aus den Güterwaggons geklettert. Sie hatten noch viel weniger, als man selber nach dem verlorenen Krieg besaß. Ihnen war auch überhaupt nicht mehr anzusehen, wer oder was sie einmal gewesen waren. Davon wollten die meisten Einheimischen eigentlich auch gar nichts wissen. Für Kommunisten galt der deutsche Osten als Hort des Militarismus und reaktionären Junkertums.

Für viele Polen, darunter auch Teile des polnischen Klerus, war er die endlich geschleifte Bastion des Protestantismus. So wurden die Bauwerke zwar erhalten, aber die alten deutschen Inschriften und Wappen herausgeschlagen, stattdessen der weiße Piasten-Adler eingefügt: Restauratoren deuteten als Märchenerzähler die Reste einer 800 Jahre alten deutschen Kultur zu altem polnischem Kulturerbe um. Direkt nach der Vertreibung der Deutschen, am 10. Oktober 1946, schrieb Polens damaliger Primas Augustyn Hlond jubelnd an die römische Kurie: „In nicht ganz zwei Jahren wurde die protestantische Religion aus dem Lande östlich der Oder herausgedrängt. In den unfruchtbaren Gebieten an der Ostsee beginnen die ersten Blumenknospen katholischen Lebens zu sprießen. Der römische Glaube ist in das Herz Europas vorgerückt. Der germanische Protestantismus erhält einen erheblichen Schlag.“

Dem genauen Blick hält diese Einschätzung nicht stand. In konfessioneller Hinsicht war der deutsche Osten gemischt: Oberschlesien, das Sudetenland, die freie Prälatur Schneidemühl und das Ermland waren überwiegend katholisch. Schlesien und die Freie Stadt Danzig hatten eine starke katholische Minderheit.

Ebenso widerlegt sich die These vom angeblichen Fortschrittsgefälle: Für viele der vertriebenen Bauern aus dem Osten war im Jahr 1946 die Einquartierung auf einem niedersächsischen Bauernhof eine Reise in die Vergangenheit. Denn die Mechanisierung war im Osten schon weiter vorangeschritten. Dass Ostpreußen bis zum Kriegsende Getreideüberschüsse erzielen konnte, lag weniger an seinen fruchtbaren Böden als an einem ausgeklügelten Drainage-System. Der industrielle Aufschwung in Wolfsburg, Braunschweig und Hannover wurde nach dem Krieg nicht durch landflüchtige niedersächsische Bauernkinder ermöglicht, sondern durch Facharbeiter aus den Vertriebenenlagern.

Im angeblich so reaktionären und militaristischen Osten entwickelte der 1724 in Königsberg (Ostpreußen) geborene und dort im Jahr 1804 auch gestorbene Philosoph Immanuel Kant seinen „kategorischen Imperativ“ (Handle stets so, dass der Maßstab Deines Handelns Grundlage eines allgemein gültigen Gesetzes sein könnte!). In der gleichen Stadt wurde im Jahr 1867 die pazifistische Bildhauerin Käthe Kollwitz geboren. Ebenso in Ostpreußen ist von Johann Simon Dach (1605 bis 1659) mit „Ännchen von Tharau“ das älteste deutsche Liebeslied geschrieben worden. Auf dem schlesischen Gut Kreisau trafen sich die Verschwörer des 20. Juli 1944, um über eine demokratische Zukunft Deutschlands nach der Beseitigung Hitlers zu sprechen. So zeigt sich insgesamt die ostdeutsche Kultur als sehr farbig – und ihr Verlust darf durchaus bedauert und betrauert werden.

Unser Bistum: 
Empelde (bei Hannover), Niedersachsen