Antonius Holling in Wolfsburg

Was für eine ‚Stellenbeschreibung’: „Sie haben da keine Wohnung und keine Kirche. Sie sollten da nicht wohnen und dürfen auch keinen Gottesdienst halten, was verboten ist.“ Mit diesen Worten schickte der Hildesheimer Bischof im März 1940 den gerade mal 31-jährigen Priester Antonius Holling in ein kirchenloses Kunstgebilde, in die „Stadt des KdF-Wagens“.

Der Gastwirtsohn aus Osnabrück, der 1934 zum Priester geweiht wurde, kam in eine Stadt, die die faschistischen Machthaber zu einem Modell ihrer Ideologie ausbauen wollten – ohne Kirchen, ohne Gott. Vom ersten Tag an stand Holling unter argwöhnischer Beobachtung durch die Geheime Staatspolizei und nicht selten mit einem Bein im Konzentrationslager. „Ich habe nur meine Pflicht getan“, sagte Holling, als er 77-jährig 1986 nach 46 Jahren seelsorglicher Tätigkeit in den Ruhestand ging.

Schier Unglaubliches lag hinter ihm. Den Nazis und ihren Schergen bot er die Stirn, ertrug alltägliche Schikanen. Anders wäre es auch nicht möglich gewesen Gottesdienst zu feiern und sich der bitteren Nöten der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen anzunehmen. Das erforderte Gottvertrauen, Mut – und auch Schlitzohrigkeit. So schickte Holling beispielsweise einen Brief an die Gestapo mit den Worten: „Nach meiner Reise zu den Berliner Amtsstellen beginne ich am morgigen Tag mit dem Gottesdienst.“ So erweckte der Pastor den Anschein, als ob er von einer Parteistelle die Erlaubnis bekommen habe. In Wahrheit hatte er den Apostolischen Nuntius, den „Botschafter“ des Vatikans, besucht.

Gottesdienst feierte Holling in einer Notkirche in Hesslingen – bis zum Jahr 1951, als die St. Christophorus-Kirche geweiht wurde. Die kleine Notkirche wurde im August 1963 abgerissen, jedoch erinnert eine Stele an sie und an die 1702 Taufen, 937 Erstkommunionen, 824 Firmungen, 908 Ehen und 494 Sterbemessen, die in ihr gespendet und gefeiert wurden. Bereits 1940 konnte Holling in der kleinen Kirche auch Religionsunterricht erteilen.

Holling wusste, dass er gute Freunde brauchte, um erfolreich wirken zu können. Er fand sie in unzähligen glaubensstarken Menschen wie auch in denen, die bei Volkswagen das Sagen hatten: in Ferdinand Porsche, dem Entwickler des VW Käfers und erstem Hautgeschäftsführer, wie im späteren Generaldirektor und Vorstandsvorsitzenden Heinrich Nordhoff. Porsche half mit, dass Holling nicht von den Nazis vertrieben wurde – auch für einen kriegswichtigen Mann nicht ungefährlich. Andere Unterstützer von Holling wurden von den Nazis „zur Bewährung an die Front“ geschickt und wurden getötet. Auch das hat Holling nie vergessen.

 

Prälat Antonius Holling erklärt Kindern die Funktionsweise eines Boxer-Motors 

Prälat Antonius Holling überreicht Papst Paul VI. einen Koffer mit Schallplatten

Prälat Antonius Holling, 46 Jahre lang, von 1940 bis 1986 erster katholischer Seelsorger in Wolfsburg

Die Nähe zum Werk, die Sorge um die dort arbeitenden Menschen, prägte die Arbeit des Pastors nach dem Krieg. Kinder wurden in den Baracken des ersten katholischen Kindergartens mit warmer Suppe versorgt, bereits 1947 lud Holling „mit frohem Gruß“ zu einer großen Volksmission ein – das „Anklopfen Gottes“ sollte Menschen in schweren Zeiten auch geistig stärken.

Die Pläne reifen zum Bau der ersten Kirche Wolfsburgs. Beim Licht einer Taschenlampe soll Holling zusammen mit dem VW-Generaldirektor Nordhoff und dessen Frau im September 1950 den ersten Spatenstich getan haben. Daraus erwuchs nicht nur ein Gotteshaus, sondern auch, wie Holling es selbst nannte, „ein kleiner Vatikan“ mit Pfarrzentrum, Altenheim, Begegnungsstätte, Jugendhaus, später auch Caritas.

Als Antonius Holling in den Ruhestand verabschiedet wurde, würdigten ihn Vertreter der Stadt als eine „persönliche Institution und ein Stück Zeitgeschichte Wolfsburgs. Der Seelsorger wurde zum Ehrenprälaten ernannt. Die Stadt verlieh ihm die Rechte eines Ehrenbürgers.

Holling starb am 7. September 1996 in Wolfsburg.

Audio-Beitrag: 

Scone singen ihren ersten großen Geheimhit. Das Powertrio aus Hannover.

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Unser Bistum: 
Antonius Hollings Geburtsort, Niedersachsen