Hospizbegleiterin Tessmann: Beistand auf dem Weg zum Tod

Eva-Maria Tessmann aus Hannover ist ehrenamtliche Hospizbeglieterin. Sie besucht Schwerkranke und Sterbende und deren Angehörige zu Hause. Ihre Aufgabe: Da sein, zuhören und unterstützen auf dem Weg zum Tod.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, sich ehrenamtlich als Hospizbegleiterin zu engagieren?

Vor zehn Jahren ist mein Vater gestorben, zu dem ich ein sehr enges Verhältnis hatte. Meine Mutter und ich haben ihn bis zuletzt zu Hause gepflegt. Als mein Vater im Sterben lag, haben wir erst erfahren, dass es Unterstützung durch ambulante Hospizdienste gibt. Es hört sich zwar komisch an, aber nach seinem Tod war ich unglaublich dankbar, dass ich bis zuletzt für meinen Vater da sein konnte und dass wir zusammen waren. Da habe ich beschlossen, sobald ich nicht mehr arbeiten muss, auch für andere da zu sein, die schwer krank sind und zu Hause sterben wollen.

Wie waren die Reaktionen, als Sie Ihrer Familie und Freunden erzählt haben, dass Sie ehrenamtliche Hospizbegleiterin werden wollen?

Mein privates Umfeld sagte sofort: Um Gottes Willen! Das ist ja todtraurig! Aber für mich persönlich ist das eine sinnvolle Aufgabe. Ich bekomme mehr zurück, als ich gebe! Mein Leben ist lebenswerter geworden. Ich weiß jetzt, dass Lebensqualität was anderes ist, als ein neues Auto zu fahren oder jene Reise zu machen. Ich würde es als eine innere Zufriedenheit beschreiben.

 

Welche Qualitäten sollte man als Hospizbegleiter mitbringen?

Nur wenn man mit sich selbst im Reinen ist und sich Gedanken über die Themen Sterben und Tod gemacht hat, kann man die nötige Ruhe und Gelassenheit dafür mitbringen. Wie weit will ich gehen? Wie weit kann ich gehen? Die Fragen sollte man sich einmal gestellt haben. Es ist ganz wichtig, sich mit anderen auszutauschen und über das Erlebte zu sprechen. Ich selbst war in dem Vorbereitungskurs überrascht, wie schwierig es sein kann, einfach loszulassen. Dort habe ich auch gelernt, kleine Ziele zu setzen und kleine Erfolge anzunehmen – wertfrei zu sein, zuhören zu können und auch mal zu schweigen.

 

Was genau machen Sie, wenn Sie vor Ort sind – bei dem Sterbenden und seinen Angehörigen?

Das hängt immer ganz davon ab, wie früh man zur Hilfe gerufen wird und was die Betroffenen selbst sich wünschen. Ich bin ja keine Ärztin – viele wollen realistisch und offen mit mir reden, ohne bewertet zu werden. Über Leben und Sterben, über das, was den Menschen bewegt. Manche auch über Gott. Ich selbst wünsche mir immer, den Menschen noch kennenzulernen. Das gelingt bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Und wenn ich zu Besuch komme, ist es schön, wenn ein Sterbender mir auch noch ein Lächeln mitgeben kann. Anfang des Jahres hatte ich eine Begleitung, da haben wir sogar sehr viel miteinander gelacht.

 

Gelacht?

Ja, es gibt Situationen, in denen auch Sterbende noch lachen können. Ich habe diese Frau fast drei Monate intensiv begleitet. Wir waren gleich alt, beide Mütter und Großmütter. Ich hatte das Bedürfnis, sie fast jeden Tag zu besuchen. Manchmal dachte ich, sie übersteht die Nacht nicht, und dann sagte sie beim nächsten Besuch am Morgen: ,Ich will noch einmal eine Hühnerbrühe!‘ Sie konnte zwar nichts mehr essen, aber allein der Geruch… Ein anderes Mal wollte sie gerne noch einmal Prosecco trinken. Aber trinken konnte sie nicht. Da haben wir Eiswürfel- Prosecco gemacht und sie hat einen gelutscht und dann mit einem Lächeln behauptet, sie sei betrunken. Sie hatte einen sehr trockenen Humor, genauso wie ich. Einmal kam ich zu ihr und sie sagte: „Machen Sie mal das Radio an. Es ist ja eine Totenstille hier“…

Unser Bistum: 
Hannover, Niedersachsen